Portrait Saul Vargas

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Padrino, wie alt bist du?
46 Jahre.

Erzähle uns von deinem berühmten Vater.
Pihualli Vargas war ein „Yachac" (einer der das Wissen besitzt, ein Schamane) .
Er war sicher einer der berühmtesten Schamanen des Orientes, denn obwohl er 1984 gestorben ist, wird noch viel über ihn erzählt. Ja, das war er.

Wie war es für dich, sein Sohn zu sein?
Mühsam manchmal. Ständig kamen Leute von weit her, und verbrachten zum Teil Wochen bei uns zuhause bis sie wieder gesund waren. Regelmässig trank Vater Ayahuasca (eine halluzinogene Liane) mit seinen Patienten. Und als dann im Comersio (nationale Zeitung) auch noch eine Reportage über die heilenden Kräfte meines Vaters erschien, da geriet die Lage völlig ausser Kontrolle.

Aber es muss doch schön sein. einen Vater zu haben. der andere heilt.
Ich hatte da manchmal meine Zweifel. Sicher, es gab ganz fantastische Heilerfolge. Aber manchmal passierte auch nichts, die Leute machten sich viel Hoffnung für nichts, gaben ihr letztes Geld aus um zu meinem Vater zu kommen .
Auch moderne Aerzte können manchmal nicht heilen. Sicher. Aber er hat nicht nur geheilt, er hat auch gesagt, dass er Macht über die Geister an seine Patienten weitergeben kann, und das hat mir nicht gefallen.

Du hast einen anderen Weg eingeschlagen als dein Vater: du bist unter anderem Katechist geworden in der katholischen Kirche.
(Er lacht). Mein Vater wollte natürlich dass ich, der älteste Sohn, sein Nachfolger werde. Am Anfang wollte ich das auch, doch eben dann ging mir der ganze Trubel so auf die Nerven. Du weisst ja, wenn einer Gutes bewirkt, hat es immer Neider, die gegen ihn arbeiten. Es gibt Hexer, die sich darüber ärgern, dass er ihre Arbeit zerstört (die Opfer der Hexer enthext) und ihrerseits versuchen, ihn zu verhexen. Dann gab es immer wieder böse Zungen die im betrunkenem Zustand behaupteten, er sei auch ein Hexer und nicht nur ein Schamane. Am Ende seines Lebens hat er mir dann gesagt, dass er es gut fände, dass ich nicht Schamane sei sondern Katechist.

War dein Vater auch katholisch?
Natürlich .

Und wie vereint man die Geisterwelt mit dem Christentum?
Du weisst doch, dass alle hier das so machen. Doppelte Absicherung (er lacht). Wenn der Glaube an Gott zu klein ist und die Zweifel kommen, dann sichert man sich halt noch das Wohlwollen der Waldgeister, der Sacha Huarmi, der Yacu Huarmi und so weiter.

Dein Vater ist nicht nur als Yachac in die Geschichte eingegangen. Er hat den Kampf gegen die Huaoranis geführt.
(Huaoranis sind eine andere Indio Nation, deren Territorium an das der Quichuas grenzt. Bis in die 70er Jahre haben sie regelmässig Quichuafamilien überfallen.)

Warum gab es Probleme zwischen den Huaoranis und den Quichuas?
Die Huaoranis waren Wilde. Sie besassen keine Werkzeuge aus Metall. Deshalb überfielen sie regelmässig die Quichuas um Macheten und Kochtöpfe zu rauben. Und dabei haben sie immer die ganze Familie getötet. In den 50er Jahren hier am Rio Arajuno sogar zwei kleine Mädchen. Und da war das Mass voll!
Da kamen ein paar Weisse, die Evangelisten waren, und die Huaoranis zivilisieren wollten. Sie heuerten meinen Vater und ein paar Andere an, um zu den Huaoranis zu gehen. Doch die Huaoranis wollten nichts hören und wollten die Weissen und die Quichuas töten. Also wurden sie erschossen.

Die Huaoranis konnten doch weder Spanisch noch Quichua. und ihr kein Huao! Wie sollten die da verstehen, dass es sich um eine gute Absicht handelte?
Die Evangelisten hatten eine Quichua Frau verhört, die von den Huaoranis geraubt worden war und vier Jahre dort verbracht hatte. Aber vor lauter Angst wollte sie nichts sagen. Natürlich war es nicht gerecht, aber vergiss nicht, wie viele Quichuas von den Huaoranis getötet worden waren, ohne dass wir sie jemals angegriffen hatten. Deshalb hat mein Vater diese Missionare unterstützt, weil sie sagten, dass christianisierte Huaoranis nicht mehr töten würden.

Dein Vater starb 1984. Stirbt so ein berühmter Schamane normal?
Ja, an irgendeiner Krankheit. Lustigerweise hab ich neulich Gerüchte gehört, mein Vater sei von den Toten auferstanden. Der Zement des Grabdeckels bekam einen Riss! (Er lacht, weil er an so etwas nicht glaubt).

Du bist nicht Yachac geworden, aber auch nicht unbekannt in der Gegend. Es gibt, glaub ich, keinen wichtigen Posten in der Gemeinschaft, den du nicht schon einmal innehattest!
Das hat sich irgendwie so ergeben.

(Saul ist ein bescheidener, fleissiger Mensch. Er vermittelt geme bei Konflikten und vor allem trinkt er nicht. Er ist in den Gemeinderat gewählt worden, war mehrmals Präsident der Indiogemeinschaft, von Runa Huasi und von der Indiokrankenkasse. Zudem ist er Pate/Götti von rund 20 Kindem und 15 Ehepaaren.)

Was erwartest du von der Zukunft? Was sind deine Pläne und Wünsche?
Ich hätte geme, dass Gott mich noch ein paar Jahre leben lässt um mit meiner Arbeit weiterzumachen. Und ich würde gerne noch etwas auf die Beine stellen, damit meine Frau und ich im Alter abgesichert sind.

Vielen Dank für diese interessante Unterhaltung!

(Saul arbeitet bei uns als Schreiner, Bootsfahrer, Waldführer wenn er Zeit hat. Einer seiner Söhne ist Koch in der Liana Lodge, ein anderer Quichualehrer in unserer Schule und Maria, seine 6jährige Tochter, geht bei uns in die Schule.)