Eine Reise nach Alto Manduro: Ein Stück Amazonasrealität

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Im Oktober waren wir zur Hochzeit eines Neffens von Remigio in Alto Manduro eingeladen. Diese drei Tage haben mir viele Eindrücke beschert, die ich hier wiedergeben möchte.

Was ist Alto Manduro? Vor 22 Jahren merkte Remigios Vater, dass seine 20 ha Land wohl kaum für seine 15 Kinder ausreichen würden. Zusammen mit einem anderen Mann seiner Lage reiste er flussabwärts, um "neuen Wald" zu finden. Dem Rio Napo entlang war natürlich schon alles von anderen Indiogruppen besetzt, bis hin zur peruanischen Grenze. Also mussten sie sich mit Waldgebieten landeinwärts begnügen. Kurz vor Cosa, also eineinhalb Tage mit dem Kanu (ohne Motor) von hier aus, wurden sie fündig: Alto Manduro nannten sie die rund 5000 Ha Primärwald, welche 2 Kilometer vom Rio Napo landeinwärts begannen. Sie schlugen mit der Axt ein paar Hektare frei, um Bananen und Maniok anzupflanzen und ein paar Häuser hinzustellen. Im Laufe der Jahre sind die Canelos- und die Mamallactakinder dorthin gezogen. Heute ist es eine Indiogemeinschaft von 105 Erwachsenen und einer nicht bekannten Anzahl Kinder, die alle mehr oder weniger verwandt sind.

An einem Samstag also sind wir mit dem Auto losgefahren. Es sind 7 Stunden bis zur Strasse, die am nächesten an der Gemeinschaft Alto Manduro liegt. Um 16.30 Uhr sind wir angekommen. Rund 50 Menschen erwarteten uns, um uns auf dem zweistündigen Fussmarsch durch den Wald zu begleiten. Zwei Stunden Waldlauf ist keine grosse Sache, auch nicht für unsere Kinder. Doch dies waren 2 Stunden Schlammschlacht! Vor 8 Jahren war ich das letzte Mal dort: ein fester kleiner Pfad führte damals durch Primärwald bis zum "Zentrum Alto Manduro". Seitdem war aber eine Holzfirma gekommen. Sie hatte den Quichuas dort eine Strasse versprochen, wenn sie als Gegenleistung Bäume abholzen dürften. Die Quichuas hatten zugesagt. Die Firma hat also eine 5 Kilometer lange Lehmpiste durch den Wald gezogen. Alle Bäche und Wasserläufe einfach zugeschüttet, keine Kanäle, keine Befestigung, keine Strassenunterlage, einfach nur roter Lehm. Das reichte ihnen, um mit ihren Baggern die Bäume rauszuholen, zu 5 Dollar pro Baum (nb: ein Mahagonibaum für 5 Dollar!!). Nach ein paar Monaten waren sie wieder weg. Die "Strasse" ist sogar für Pferde eine Katastrophe: an gewissen Stellen versinken sie bis zur Brust im zähen Schlamm. Und wie wir aussahen, als wir endlich im Mandurozentrum ankamen, spottet jeder Beschreibung. Die Kinder fanden es sehr lustig, als Mami in 50 cm Tiefe nach ihren steckengebliebenen Stiefeln wühlte.

Schlimm an dieser Strasse erscheint mir auch, dass das Wasser gestaut wurde auf der einen Seite. In diesen Sümpfen sind die Bäume abgestorben. Dass die Malaria zugenommen hat in den letzten Jahren, dürfte wohl auch an den tollen Lebensbedingungen für Moskitos dort liegen.

Wir erreichten Manduro also kurz vor dem Eindunkeln. Daheim am Rio Arajuno hätten wir uns einfach in den (100 Meter breiten) Fluss geschmissen um uns zu waschen. Hier ist die Lage komplizierter. Die rund 50 Familien teilen sich einen 1 Meter breiten, moderigen, dunkelbraunen Bach. Wer flussabwärts wohnt, bekommt Zweifel an der Wasserqualität. Oben wird Wäsche gewaschen und Geschirr gespült und unten schöpft die nächste Familie das Trinkwasser. Unsere beiden Kinder deklarierten, dass sie sich keinesfalls in dieser Brühe baden würden, hatten aber schlussendlich keine Wahl.

Remigios Bruder Cesar hatte uns eingeladen bei ihm zu wohnen. Cesar und Norma haben 8 Kinder zwischen 3 und 14 Jahre. Auch der Grossvater wohnt bei ihnen. Wie alle Quichuahäuser ist dieses in zwei geteilt: Küche einerseits, Schlafraum andererseits. In Alto Manduro sind die Häuser mit Blech gedeckt, da es keine Paja Toquilla Blätter gibt für die traditionellen, billigen und luftigen Dächer. Es ist ja kein Alluvialboden, auf dem die Quichuas sonst zu wohnen pflegen. Deshalb gibt es auch kaum Maniok, das Grundnahrungsmittel schlechthin, da er nur sehr schlecht auf Lehmboden gedeiht.

Das Familienleben der Quichuas ist doch recht unkompliziert verglichen mit unserem. Vom agronomischen Standpunkt aus würde ich die "Kinderhaltung" als extensiv bezeichnen, im Vergleich zu unserer, die vielleicht übertrieben intensiv ist. Wenn ich nur schon das "Ins-Bett-gehen" vergleiche: bei uns wird zuerst gebadet (unter Aufsicht, unsere Kinder sind 4 und 6 Jahre alt), dann Schlafanzug angezogen, dann gemeinsam am Tisch sitzend gegessen, Zähne putzen, ins Bett, Geschichte vorlesen, beten, schlafen. Bei Cesar und Norma greifen die Kinder mit der Hand irgend etwas aus einem Topf, der auf dem Boden steht, gebadet haben sie irgendwann am Tag, Kleider haben sie sowieso kaum an. Und wenn sie müde sind, verschwinden sie einfach, rollen sich in etwas ein, das als Decke dient und legen sich auf dem Fussboden zum Schlafen hin. Die Älteren passen auf die Jüngeren auf - und ich habe während der ganzen drei Tage nicht gesehen, dass die Eltern Arbeit mit ihren Kindern gehabt hätten

Wir hatten als Geschenk Reis mitgebracht und Thunfischbüchsen. Beides ist sehr beliebt, da es aber gekauft werden muss und nicht selbst produziert wird, kommt es selten bis nie in die Teller. Und da Gäste immer nur das Beste bekommen, könnt ihr raten, was wir während 3 Tagen gegessen haben, 3 mal am Tag, mit Ausnahme des Hochzeitsessen....

Einer der 43 Neffen von Remigio hat die Schwester der Frau seines Bruders geheiratet. Verlobt hatten sie sich schon, als Priscilla 14 war, und seitdem lebten sie zusammen, haben also schon ein Kind. Heiraten konnten sie erst jetzt, da man sowohl für die kirchliche Trauung wie auch für die zivilrechtliche 16 Jahre alt sein soll. Trotzdem sah Priscilla während der kirchlichen Zeremonie mit ihrem weissen Kleid für mich eher wie ein Konfirmationskind aus als wie eine Braut. Der Pfarrer war hoch zu Pferd durch den Schlamm gekommen - und überdeckte seine schlammige Jeans und sein Werbeshirt mit einer Robe, die er im Rucksack dabei hatte. Die Hostien transportierte er in einer alten Kakaobüchse, den Messwein in einer leeren Plastikflasche. Gleichzeitig taufte er diverse Kinder, da er ja schliesslich nicht alle Monate nach Alto Manduro reisen kann.

Nach der Messe unter einem Blechdach bei strahlendem Sonnenschein begann die Quichuazeremonie (siehe „Heiraten am Rio Napo"). Ständig kamen Frauen vorbei mit Schalen voller Chichagetränk. Gut zubereitete Chicha, mit Regenwasser oder sauberem Flusswasser angemacht, kann ein Genuss sein. Doch da wussten wir, wo das Wasser geschöpft worden war: am Unterlaut des Baches. Nicht nur die Teefarbe des Wassers war mir unsympathisch, auch die "Fischlein" die drin herumschwammen, verursachten mir schon im vorneherein Darmprobleme. Aber es gab keine Wahl: dieses Wasser oder gar keines. Doch trotz des Wassers und des Fleisches, das 2 Wochen vorher schon gejagt worden war und in mir die Warnlichter "Fleischvergiftung" aufblinken liess, passierte danach gar nichts! Wie oft hab ich nach einem Restaurantbesuch in Tena oder Quito Verdauungsprobleme, aber da ging wider Erwarten alles Bestens!

Während der ganzen Zeit hatten wir ständig interessante Gesprächspartner. In einer geschlossenen Gemeinschaft, wo kaum Fremde vorbeikommen, waren wir eine Quelle für neue Informationen und andere Ansichten, und haben selbst viel dazugelernt. Und wie so oft: es ist nicht so, dass die Quichuas das Verschwinden des Waldes und des Wildes nicht bedauern, aber sie sehen keine Alternative. Auch hätten sie gerne weniger Kinder, aber das klappt irgendwie nicht. Präservative oder Pille sind schwer erhältlich und würden im Eifer des Gefechts dann doch untergehen, und operieren lassen will sich keiner, da könne doch so viel schief gehen. 12 Kinder hat Remigios älteste Schwester, 11 der grössere Bruder. Und Grosseltem sind sie schon lange. Oft wurden wir gefragt, wie wir "das" machen, dass wir nur zwei Kinder hätten. Aber Tage zählen ist in einer zeitlosen Gesellschaft fremd, und einem betrunkenen Ehemann klarzumachen, dass heute nichts zu holen ist, soll schwierig sein.

Was mich bei diesen riesigen Familien so beeindruckt, ist der immer freundliche und ruhige Umgangston. Und dass die Alten ganz selbstverständlich integriert sind und respektiert werden. Bei Cesar und Norma hat die 12jährige Meira für die Hochzeit dem Grossvater mit dem Kohlebügeleisen das langärmlige weisse Hemd gebügelt (wie man bei der Wasserqualität ein Hemd weiss wascht, ist mir schleierhaft), andererseits hütet dann der Alte die Kleinsten. Natürlich gibt es Meinungsverschiedenheiten zwischen den Generationen, aber das wird leise lachend erzählt. Sie spotten gerne, reden viel über andere, alle wissen alles, keine Privatsphäre, dafür ist man aber auch nie allein. Kann gar nicht! Ich hab versucht, mich ab und zu mal etwas zurückziehen von den 8 Kindern der Familie, ein Ding der Unmöglichkeit. Dazu war ich viel zu exotisch, ich wurde dauernd beobachtet. Ich brauchte nur meinen Rucksack zu öffnen - wusch - war eine Handvoll dunkler Köpfe darüber gebeugt, so dass ich selbst nicht mehr reinschauen konnte. Ein Buch! Alle wollten mitlesen und lachten sich dann krumm darüber, dass man diese Sprache nicht verstehen kann. Nur auf das gewisse Örtchen, da darf man alleine. Man muss aber vorher klarstellen, auf ihre direkte Art, "ich gehe urinieren". Dafür gibt es keinen fixen Ort, man zieht sich einfach ins Gebüsch zurück. Die Insekten und Bakterienwelt übernimmt diese Produkte, nach ein Paar Stunden ist nichts mehr zu sehen. Nur Klopapier ist in diesem Oekosystem nicht vorgesehen: das ist tagelang sichtbar!

Remigio und ich waren die einzigen Erwachsenen, die nicht durchgefeiert haben. Am nächsten Morgen haben wir unsere Sachen gepackt, und uns durch den Schlamm bis zur Strasse durchgekämpft. Unser vorzeitiger Abgang lief problemlos ab, da die meisten zu benebelt waren, um überhaupt zu realisieren, dass wir abreisten. Nach rund 20 Kilometern die erste Häuseransammlung an der Strasse, mit einem kleinen Laden. Wir haben eine Flasche Wasser gekauft. Sauberes, hygienisches und unendlich appetitliches Wasser.