Heiraten am Rio Napo

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Das Suchen eines Ehepartners und die Hochzeit sind bei den Quichuas ganz anders als bei uns.

Zuerst einmal wird eine so wichtige Entscheidung wie die Wahl des Lebenspartners nicht einfach einem jungen, unerfahrenem Menschen überlassen. Wenn der Sohn so zwischen 18 und 23 Jahre alt ist, werden sich seine Eltern nach einer geeigneten Ehefrau umschauen. Die Kriterien sind: sie soll gesund sein und einen guten Ruf haben (d.h. keine Beziehung zu Männern gehabt haben). Der Vater soll kein Säufer sein, die Mutter fleissig und keine böse Zunge haben.

Wenn also alles zu stimmen scheint, wird der erste Schritt eingeleitet: die "Pedida", das heisst die Anfrage. Die engere Familie des jungen Mannes kommt zum Haus der zukünftigen Braut gegen 3 Uhr morgens, d.h. kurz bevor die Familie sowieso austehen würde. Man nähert sich des Hauses und ruft „gelobt seid ihr". Die Familie der Braut muss schimpfen und die andere Familie nicht empfangen wollen. Erst nach längerem Betteln dürfen sie dann rein und ihr Anliegen vortragen. Dann werden die eventuell zukünftigen Ehepartner einander vorgestellt. Sie müssen sich gegenüber setzen, und sollen sagen, ob sie mit einer Ehe einverstanden waren. Oftmals kennen sie sich nicht wirklich. Dann wird das Ganze erst einmal begossen.

Der zweite Schritt ist die „Pajtachinas" d.h. das Einlösen des Versprechens, vergleichbar mit unserer Verlobung. Auch dieses Fest wird von der Familie des Mannes organisiert. Die Familie der Frau darf soviel Gäste einladen wie sie will (also meist um die hundert). Als Gast muss man also dafür sorgen, dass man von der Familie der Frau eingeladen wird, dann wird man bedient. Wenn man von der Mannesseite aufgefordert wird, muss man nur die Familie der Braut bedienen und bekommt im schlimmsten Fall nicht mal zu essen. Die Familie des Mannes geht auf die Jagd, und wenn sie Erfolg haben, wird zur Verlobung geladen. Die Braut spielt bei der Verlobung keine grosse Rolle. Wichtig sind ihre Patin, ihre Eltern und andere nahe Verwandten, denn die werden vom Hochzeitspatenpaar (von den Eltern des Mannes ausgesucht) und deren Gehilfen um die Hand der Tochter gebeten. In der Praxis sieht das folgendermassen aus: Der Bräutigam, ein Brautersatz (eine andere Frau), das Patenpaar und das Gehilfenpaar tanzen einen rituell festgelegten Tanz für die Familie der Braut. Ein älterer Mann schlägt die Affenfelltrommel und singt was gerade passiert. Er wird von einem Instrument begleitet, das einer Geige ähnelt.

Die Paten, die Gehilfen, der Bräutigam und seine Eltern knien nun vor den wichtigen Verwandten der Braut nieder, und erklären, das und warum sie das Mädchen haben möchten. Jeder einzelne Verwandte wird nun sehr zurückhaltend reagieren und viele Bedingungen stellen (z.B.: also, sie ist so eine gute Frau, ich mag sie fast zu sehr um sie eurem Sohn zu geben. Hoffentlich weiss er sie zu schätzen. Ausserdem müsst ihr sie sehr gut behandeln usw) Das Ganze dauert meist mehr als eine Stunde, und die ganze Zeit bekommen die Verwandten der Frau Schnaps, Bier und Chicha zu trinken, um sie milde zu stimmen. Danach gibt es Essen und Tanz. Wenn alle einverstanden sind, kann die Braut nun mit dem Bräutigam zusammen sein. Eigentlich aber müssten sie bis zur Hochzeit warten, der "Boda", die auch zu Lasten der Mannesfamilie geht. Es kommt also wesentlich billiger, Mädchen zu haben statt Jungen. Die Familie des Mannes muss so viel investieren, weil die Braut ja schliesslich zu ihnen zieht und die Familie der Frau will für den Verlust der Tochter entschädigt werden.

Am Tag der Hochzeit also kommt die ganze Familie zusammen. Die Braut wird von der Hochzeitspatin angezogen und geschmückt, vor allen Leuten. Während des Anziehens wird sie von all ihren weiblichen Verwandten umringt, die sie beraten, wie sie sich in der Ehe zu verhalten hat. Ausserdem weinen dann so ziemlich alle Frauen, da sie ja jetzt die Familie verlassen wird, Auch hier wird die ganze Zeremonie vom Trommler kommentiert. Danach tanzt die Braut zusammen mit den Paten und Gehilfen und ihrem Bräutigam denselben Tanz wie bei der Verlobung, nun aber tanzt die Braut selbst mit und nicht ihr Ersatz.

Als Nächstes folg meist das Hochzeitsessen. Das ist, wie sicher in den allermeisten Kulturen, eher der Höhepunkte des Festes. Jetzt entscheidet sich, ob diese Hochzeit als gelungen in die Analen eingeht oder nicht und auch noch meist, welchen Namen der Bräutigam ab jetzt trägt. An einer Hochzeit, wo ich als Patin der Braut fungierte, gab es Fleisch, das schon leicht angefault war. Die Familie der Braut wollte daraufhin, dass ich den Bräutigam auf Quichua "Rabengeier" taufe, da ja nur Geier verfaultes Fleisch essen. Ich wollte nicht, dass der arme junge Mann mit so einem Namen durchs Leben geht, zudem auch seine Familie empört war über den Vorschlag. Die Diskussion ging hin und her, der Alkoholpegel stieg und wir haben uns einfach diskret aus dem Staub gemacht, der Bräutigam blieb ungetauft.

Ein gutes Essen hat schwere Konsequenzen für die Fauna. Keine gelungene Hochzeit ohne Affen im Kochtopf. Warum, ist mir immer noch nicht ganz klar, denn wenn des Fleisch steinhart geräuchert ist, merkt man nicht viel Unterschied zwischen Affe und Rind. Es muss sich wohl eher um eine symbolische Bedeutung handeln, oder einfach beliebt sein weil es heutzutage so schwer ist, Affen zu jagen. Die Familie des Bräutigams auf unserer letzten Hochzeit in Alto Mandura waren zu einer anderen Indiogemeinschaft viel weiter drinnen im Wald g gereist um dort zu jagen, und hatten "nur" 4 Wollaffen erlegt. Nebst den Affen kommt Wild in den Kochtopf, das man erlegen kann. Es ist sehr wichtig, dass das Essen reicht. Schwierig, wenn man absolut nicht weiss, wieviel Gäste mit der Familie der Frau mitkommen.

Wir haben dann versucht, diese Tradition etwas zu beeinflussen. Erstens weil für den Wald jede Hochzeit bedeutet, dass es noch weniger Wildtiere hat, und zweitens, weil es für die Familie des Bräutigams immer aufwendiger und teurer wird, an Wild heranzukommen. Wir selbst hatten bei unserer Hochzeit "nur" Fisch, als Remigios Bruder Victor sich verlobte, gab es gekauftes Huhn, was jedoch kein grosser Erfolg war. Prompt tauchten dann bei seiner Hochzeit geräucherte Brüllaffen, die dem Schwiegervater "über den Weg gelaufen waren" auf. Er konnte die Schande der "Hühnerverlobung" einfach nicht auf sich sitzen lassen

Der nächste Schritt an einem Hochzeitsfest ist die Übergabe der Geschenke, getrennt nach Familien. Die Familie des Mannes schenkt meist wenig, da sie ja schon das gesamte Fest finanziert. Und es ist wichtig, dass die Familie der Braut viel schenkt, um zu zeigen, dass die Braut viel wert ist. Geschenkt wird immer dasselbe: vor allem Töpfe in allen Grössen, Macheten, Eimer, Decken, Teller, was man halt so in einem Quichuahaushalt braucht. Danach bedanken sich der Reihe nach alle wichtigen Anwesende für die Geschenke, die Brautmutter weint meistens noch eine Runde. Und dann kommen die Geschenke der Familie des Mannes an die Familie der Frau für das Fest: die vorher ausgehandelte Menge Bierkisten, Colakisten, Rhumflaschen, Zigaretten, Sardinenbüchsen, Brötchen, Kekse und Bonbons. Die Mutter der Braut wird nun diese Gaben unter den Anwesenden verteilen, d.h. fast alles für die Familie der Braut, und für besonders nette Angehörigen des Bräutigams. Man sitzt also und bekommt rund eine Bierflasche, eine Colaflasche, wenn man wichtig ist eine Rhumflasche und eine Schachtel Zigaretten, dann ein Brot, eine Handvoll Bonbons und Kekse, und ein kleines Plastikglas. Es ist nun nicht so, dass man sein Bier und seinen Schnaps in Ruhe selber trinken kann (und vor allem selbst bestimmen, was und wieviel man trinkt). Nein, der Plastikbecher dient dazu, die Getränke unter den Anwesenden zu verteilen. Es steht also fast dauernd irgend ein netter Mensch vor einem mit einem Becher voller Schnaps oder Bier, und man muss den Becher unter Aufsicht in einem Zug leeren. Wenn der Spender schon selber alkoholisiert ist, kann man ihn täuschen und das Getränk sonstwie loswerden.

Das Fest beginnt meistens so gegen Mittag, dauert dann die ganze Nacht. Am Morgen gibt es nochmals etwas zu essen, und dann löst sich die Gesellschaft auf. Das junge Paar wohnt dann ein Jahr lang bei der Familie des Mannes, bevor es einen eigenen Hausstand gründet. Es ist wichtig ein junges Paar nicht alleine zu lassen in dieser Zeit, da es ja noch keine Erfahrung in der Ehe hat.