Positiver Rassismus

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Rassismus ist für den Betroffenen meist etwas sehr unangenehmes. Man wird wegen seiner Hautfarbe, oder präziser wegen seiner Rassenzugehörigkeit anders behandelt, und zwar schlechter. Mir widerfährt seit 11 Jahren eine andere Form von Rassismus: Auch hier existieren auf Grund meiner Hautfarbe Vorurleile mir gegenüber, doch die sind meist positiver Art!

Wenn ich in einen überfüllten Bus steige, bekomme ich immer einen Sitzplatz. Es kann sehr peinlich sein, wenn irgend ein netter, älterer Herr aufsteht, um mir seinen Sitzplatz zu überlassen, oder noch schlimmer, wenn der Buschauffeur einen anderen Passagier aufscheucht, er solle mir Platz machen. Da hilft alles beteuern nichts, ich könne sehr gut stehen.

Wenn wir zu einem Fest eingeladen sind, bekomme ich meist das beste Stück Fleisch, obwohl ich entschieden nicht an Unterernährung leide. Die erste Taufe in Ahuano vor 10 Jahren ist mir noch lebhaft in Erinnerung: Es gab zwei Hühner zum Essen. Wir waren 17 Gäste. Ich bekam das ganze eine Huhn auf den Teller, die restlichen 16 Gäste durften sich das zweite Huhn teilen. Was macht man da? Remigio meinte, ich könne gar nichts machen ausser mir Mühe geben, mit dem (riesigen, zähen) Huhn glücklich auszusehen. Es fand sich dann doch noch ein Ausweg: Man darf Fleischstücke den Kindern verteilen, da die sowieso nie eine eigene Portion bekommen und bei den Eltern mitessen sollen (bei 5-12 Kindern ein Problem).

Da ich weiss bin, und aus einer anderen Welt komme, muss ich die Lösungen für all die Probleme aus dieser Welt eben kennen. Und nicht nur aus dieser. Wenn jemand in der Umgebung von einer Schlange gebissen wird, kommt er zu uns. Und da das von Anfang an so war, habe ich mir gezwungenermassen einiges an Wissen angeeignet, um helfen zu können. Was zu der skurilen Situation führt, dass eine Europäerin einem Quichua erklärt, dass die Schlange die ihn gebissen hat, nicht giftig ist. Natürlich kennen die Quichuas alle Schlangen, leider glauben sie auch von den meisten, dass sie tödlich sind. Es gibt hier aber nur 4 Giftschlangenarten, die für den Menschen ein Problem sein können. Also langt es meistens, die Wunde zu desinfizieren und notfalls ein Beruhigungsmittel zu verabreichen. Glauben tun mir aber nur die wenigsten, dass die Schlange
wirklich nicht giftig war. Ich habe doch sicher ein wirksames Gegengift verabreicht! So bewirkt man als Weisse also Wunder...

Ende Oktober waren wir zu einer Hochzeit eingeladen, 2 Marschstunden von der Strasse entfernt. Die ganze Indiogemeinschaft erwartete uns am Strassenrand. Mit zwei Pferden: ein Tier für unser Gepäck und eins für mich, während gleichaltrige Frauen nicht nur liefen, sondern auch noch ihr Baby trugen und bepackt waren wie Esel. Es wurde eine lange Diskussion bis sie endlich einsahen, dass ich NlCHT auf dem Pferd reiten würde, sondern dass man die Tiere zum Tragen des allgemeinen Gepäcks einsetzen solle.

Dieses unverdiente Mass an Respekt könnte mir mit der Zeit doch zu Kopf steigen. Gut tut es deshalb, einmal im Jahr nach Europa zu reisen, wo ich so aussehe wie Tausende von anderen Leuten, und im Tram selbst aufstehen darf, um älteren Menschen den Platz zu lassen.