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Bevor wir unsere Schule eröffneten, wollte ich mir ein Bild machen über Unterrichtsstoff, Methodik und Pädagogik in ecuadorianischen Schulen. Sollte dies ähnlich wie bei uns sein, so hätte man auch in Betracht ziehen können, für einige Fächer einen einheimischen Lehrer anzustellen. Ich fragte also den Schulleiter in Ahuano, ob ich an zwei Tagen den Unterricht in verschiedenen Klassen besuchen dürfe. Er war sehr erfreut über mein Interesse und lud mich gerne ein.
Ich bitte den Leser, meine nachfolgende Schilderung mit dem nötigen Respekt zu lesen. Ich mache mich nicht lustig und ich verurteile nicht! Es ist nur so, dass der Unterricht hier heute so gehalten wird, wie bei uns vor hundert Jahren - und das mutet etwas fremd und lächerlich an. Es ist aber nicht dieser Eindruck, den ich vermitteln will. Machen Sie sich Gedanken über den riesigen Unterschied der Denkweisen, die in der Missionsschule oder in Sacha Yachana Huasi gelehrt werden...
Die Schule beginnt um 7.15 vor dem Hauptgebäude. Alle Schüler stellen sich klassenweise in einer Reihe auf. Es wird das Vaterunser gebetet, dann die Fahne hochgezogen, die Nationalhymne gesungen und Klassenappell gemacht. Die nachfolgenden Unterrichtsstunden dauern von 7.30 - 10.00 und von 10.30 - 13.00.
Zu Beginn besuchte ich eine 1. Klasse. Hier wurde gerade der Buchstabe "E" eingeführt. Schon öfters, wenn ich an einem Schulgebäude vorbei ging, wunderte ich mich über den Lärm, der in allen Klassenzimmern herrscht. Aber erst hier erkannte ich den Ursprung: Eine Frage wird hier nie von einem einzelnen Kind, sondern immer von der ganzen Klasse beantwortet. Der Lehrer benimmt sich wie ein Marktschreier und animiert die Kinder dauernd, ihre Antworten so laut wie möglich herauszuschreien. Ist es laut genug, so ist das der Beweis, dass sie es jetzt können....
Beispielhaft eine Mathematikstunde, immer noch bei den Erstklässlern, Einführen der Zahl 7:
Die Lehrerin hat sieben hübsche Kätzchen an die Tafel gezeichnet.
L: Wieviele Katzen sehen wir hier?
S (vereinzelt): Sieben
L: Wieviele?
S (schon mehrere): Sieben
L: Wieviele Katzen?
S (alle): Sieben!
L: Wieviele?
S: Sieben!!
L: Ja gibt es keine Schüler in dieser Klasse? Wieviele Katzen?
S: Sieben!!!
L: Jawohl, es sind sieben Katzen!
Sie schreibt die Zahl 7 an die Tafel
L: Wie heisst diese Zahl?
S (vereinzelt): Sieben
L: Wie heisst diese Zahl
S (alle): Sieben!!!
Die Lehrerin lässt nun verschiedene Dinge in Siebnergruppen zusammentragen: Bücher, Hefte, Stifte, Stühle, Schuhe,...
L: Wieviele Katzen sind an der Tafel?
S: Sieben!!!
L: Wieviele Bücher?
S: Sieben!!!
L: Wieviele Hefte?
S: Sieben!!!
L: Wieviele Stifte?
S: Sieben!!!
L: Wieviele Stühle?
S: Sieben!
L: Wieviele Stühle?
S: Sieben!!!
L: Wieviele Schuhe?
S: Sieben!!!
L: Wie heisst die Zahl an der Tafel?
S: Sieben!!!
L: Wieviele Katzen?
S: Sieben!!!
L: Wie heisst die Zahl?
S: Sieben!!!
L: Nicht wahr, jetzt werdet ihr nie mehr vergessen, wie diese Zahl heisst!
S: Sieben!! (vereinzelt: nein)
L: Versprecht mir, nie mehr zu vergessen, wie diese Zahl heisst!
S: Sieben!! (vereinzelt: ja)
Dann wurden einige Additionen, die alle 7 ergaben, an die Tafel geschrieben und darauf von den Schülern ins Heft abgeschrieben.
Niemals wird überprüft, was ein einzelnes Kind kann. Alles wird vorgeschrieben oder vorgesagt. Nur die drei Besten kommen zum Denken - alle Andern sind Nachplapperer...
Aber ist es nicht genau das, was das System will? Menschen, die wenig selber denken, die sich an denen, die viel und laut reden orientieren und möglichst laut dasselbe schreien wie der, der vor ihnen steht?
Verständlich, dass die Umstellung auf unser System für einige Kinder sehr schwierig ist. Da kann sich keiner mehr verstecken. Jeder wird gefordert, selbständig zu denken und seine Gedanken zu formulieren, Schwachstellen werden aufgedeckt und das Verständnis gefördert. Der Stoff wird nicht einfach abgehandelt, sondern es wird erst weitergegangen, wenn das Gelernte auch begriffen ist und sitzt. Sinnvoll, aber auch sehr anstrengend....
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