Traumdeutungen

CvS

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Aus dem Buch von Juan Santos Ortiz de Villalba (die kursiven Erklärungen sind von den Quichuas selber, nicht vom Psychologen!):

1. Du packst einen Affen am Schwanz.
= Eine Schlange wird dich beissen.
(Den Affenschwanz anzufassen heisst zu riskieren, dass der Affe dich beisst. Der Schwanz gleicht einer Schlange.)

2. Du greifst in einen Angelhaken.
= Eine Schlange wird dich beissen.
(Der Haken gleicht den Eckzähnen der Schlange.)

3. Du fängst junge Papageien.
= Eine Schlange wird dich beissen.
(Der Papageienschnabel gleicht einem Haken und der gleicht dem Eckzahn der Schlange.)

4. Du fischst „bagres“.
= Du wirst einen Toten sehen. Es könnte jemand aus deiner Familie sterben.
(Ein „bagre“ ist ein riesiger Katzenfisch. Liegt er im Kanu sieht es aus wie ein Mann in einem Sarg.)

5. Du lutschst Bonbons.
= Du wirst wegen irgend etwas weinen müssen.
(Der Ton, der beim Lutschen von Süssigkeiten entsteht gleicht dem Ton von unterdrücktem Schluchzen.)

6. Du lutschst Trauben.
= Kurze Zeit darauf wirst du wegen irgend etwas Unbekanntem weinen müssen.
(Ähnlich wie oben. Der Saft der Traube gleicht auch den Tränen.)

7. In der dunklen Nacht begegnest du einer brennenden Kerze.
= Ein Verwandter wird sterben.
(Die dunkle Nacht ist der Tod. Die Kerze erinnert an die Kerzen, die um die Leiche aufgestellt sind.)

8. Du hältst die Jungfrau Maria auf dem Arm - sei es als Puppe oder als
lebendes Wesen.
= Vater oder Mutter werden sterben.
(Symbole oder Zeichen, die aus der christlichen Religion stammen, versinnbildlichen für die Quichuas fast immer negative Zeichen. Häufig stehen sie für Tod oder Krankheit.)

9. Du gehst nackt wie ein Kind umher.
= Eines deiner Kinder wird sterben.
(Das nackte Kind ist das Leben und der Tod; aber die totale Nacktheit ist der Tod.)

10. Du wirst in einer grossen Kiste begraben.
= Eines deiner Kinder wird sterben oder du wirst eine schwere Krankheit
haben.
(Die Kiste ist der Sarg. Sie ist Tod, Schmerz, Krankheit.)

11. Es wird dir ein Zahn gezogen.
= Eines deiner Kinder wird sterben oder es trifft dich ein grosses Leid.
(Ein Zahn ist etwas sehr geliebtes und es ist schmerzhat, ihn zu verlieren.)

12. Du fliegst zusammen mit deinem kranken Kind (oder Verwandten).
= Es wird bald gesund werden.
(Fliegen ist das Symbol für Gesundheit, Freiheit. Fliegen mit geliebten Personen heisst mit Sicherheit zu wissen, dass sie gesund sind oder werden.)

13. Einer deiner Verwandten ist sehr krank und wird in einen Sarg gelegt. Du
versuchst, ihn dort wieder herauszuholen.
= Er wird gesund werden.
(Der Kampf um das Herausholen-aus-dem-Sarg ist gleichbedeutend mit Gesundheit oder Genesung von einer tödlichen Krankheit.)

14. Du bist an einer Hochzeit mit vielen geladenen Gästen.
= Du wirst Pekaris begegnen.
(Der Lärm einer Hochzeit, die Stimmen, die Schreie erinnern den Quichua-Jäger an den Lärm den die Pekaris machen, wenn sie durch den Wald gehen. Auch die grosse Zahl der Gäste erinnert an die grosse Zahl der Gruppe.)

15. Du pflückst eine grosse Zahl von Huabas (einheimische Frucht =Affenschwanzfrucht).
= Du wirst auf der nächsten Jagd vielen Affen begegnen.
(Die huaba erinnert an den Schwanz eines Affen. Affen sind die bevorzugten Beutetiere der Quichua-Indios.)

16. Du pflückst Chonta-Früchte.
= Du wirst Brüllaffen begegnen.
(Die Frucht der Chonta ist rot, wie der Brüllaffe.)

18. Du schleppst ein Kanu.
= Du wirst grossen Tieren begegnen (Tapiren, Spiesshirschen, Pekaris)
(Das Kanu symbolisiert etwas Grosses, wie die grossen Beutetiere.)

19. Du schläfst übermässig viel.
= Es wird Unglück über dich kommen.
(Schlafen im Traum ist gleichbedeutend mit Tod. Tod im Traum ist Krankheit, Unglück.)

20. Du kaufst eine neue Bettdecke.
= Du wirst einen Jaguar töten.
(Die traditionelle indianische Decke gleicht dem Fell eines Jaguars.)

21. Du hörst ein Radio, das von Weitem erklingt.
= Du wirst deine Eltern weinen sehen.
(Ein Radio tönt von Weitem wie Weinen, Stimmen, Gelächter, Leuten, die sprechen. Das hört man bei einer Totenwache.)

23. Du hörst den Paujil (Urwaldhahn) schreien.
= Einer deiner Verwandten ist gestorben.
(Der Schrei des Hahns bei Morgen- oder Abenddämmerung bedeutet ein Begräbnis. Sein Schrei erinnert die Quichuas immer an den Tod.)

24. Du schwimmst in der Mitte des Flusses.
= Du wirst dich betrinken.
(Hier zeigt sich die Kraft und Gefährlichkeit der amazonischen Flüsse. Ins Wasser fallen erzeugt Angst. Man verliert die Gewalt über sich.)

25. Du gehst nackt umher.
= Du wirst dich schämen.
(Die Nacktheit und die Schande treten zusammen auf. In diesem Kontext bedeutet es aber, dass du dich schämen wirst, weil du Nichts hast, das du anbieten könntest, falls dich Verwandte überraschenderweise besuchen. Es geht um die Nacktheit infolge fehlender Nahrungsmittel.)

26. Du träumst von Exkrementen.
= Du wirst schlecht angesehen.
(Exkremente zu sehen ist nicht angenehm. Von ihnen zu träumen heisst, dass man dich mit Missfallen, mit Ärger anschauen wird. Es kann auch heissen, dass es Probleme ohne Lösung gibt.)

So geht das weiter - 251 Deutungen lang... Alle sind "Zukunftsvisionen" und nur gerade 61 sind positive Zeichen. Diese handeln dann entweder von Jagdglück oder davon, ob man die richtige Frau bekommt. In allen anderen geht es um Streit, Krieg, Krankheit, Tod oder Hexerei.

Ich denke, zu der Zeit als die Quichua-Indianer noch als Sammler und Jäger lebten (immerhin noch vor 40 Jahren!), waren diese Traumdeutungen lebensnotwendig, denn es war für sie wichtig zu wissen, ob sie heute Jagdglück haben oder ob sie allenfalls verunglücken könnten. Das war ihr hauptsächlicher Lebensinhalt und davon hing es ab, ob sie überlebten oder nicht = positive Zeichen für die Jagd und negative Zeichen, die zur Vorsicht mahnten - mehr brauchten sie nicht.

Die Mentalität der Leute hier ist ganz anders als die unsere. Was geschieht wird so akzeptiert, wie es eben kommt, ganz der Natur entsprechend. Da braucht es keine Vergangenheitsbewältigung. Wünsche gab es wohl nur in Bezug auf Nahrung und Gesundheit. Ein weites Vorausdenken (über einen Tag in die Zukunft hinaus) ist hier heute noch unbekannt! In diesem Klima, in dem es das ganze Jahr warm ist, braucht man keine Vorratshaltung (und damit kein Vorratsdenken, keine Zukunftsplanung!). Jeden Tag kann man Früchte sammeln und Wild jagen. Zudem ist Vorratshaltung wegen der Wärme gar nicht möglich. Also muss man nehmen, was der heutige Tag einem bringt. Dieses Denken ist auch jetzt noch ganz tief verwurzelt!

Interessieren Sie Sich generell für Traumdeutung? Dann schauen Sie doch in meine yahoo-group "Traumbild" herein!