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Im Moment sitze ich am Fluss in einem Kanu und warte. Warten ist hier in diesem Land wohl eine der Hauptbeschäftigungen. Man wartet bis der Bus kommt und dann, bis der Bus fährt, man wartet auf besseres Wetter, auf schlechteres Wetter, auf denjenigen, mit dem man schon vor einer Stunde verabredet war, darauf, dass ein Geschäft öffnet, darauf, dass man bedient wird, usw., usw. Nichts geht "einfach so". Es ist erstaunlich, wie schnell man sich daran gewöhnt. Man erwartet gar nicht mehr, dass etwas reibungslos klappen könnte. Falls das doch einmal passieren sollte, so ist man einfach überrascht - und kommt wahrscheinlich zu spät.
So habe ich z.B. vor zehn Tagen dem Tierarzt telefoniert und ihn gebeten, unsere Kühe zu impfen. Das war an einem Freitag. Er sagte mir, er komme am nächsten Donnerstag, ich solle ihn aber am Dienstag anrufen um die definitive Zeit abzumachen. Telefonieren heisst für uns, eine halbe Stunde mit dem Kanu nach Ahuano, dem nächsten Dorf, zu reisen, zur richtigen Öffnungszeit des EMETEL-Büros dort zu sein, zu hoffen, dass nicht so viele Leute telefonieren wollen (ganz Ahuano hat eine! Telefonlinie) damit das Büro nicht schliesst, bevor man an der Reihe ist und dann wieder eine halbe Stunde mit dem Kanu zurück. Ich fahre also am Dienstag zum Telefonieren: "Der Doctor ist in Quito, bitte rufen Sie morgen wieder an." Drei Mal tief durchatmen. "Gracias señora!" Und die ganze Geschichte am Mittwoch noch einmal. Ich fahre nach Ahuano: "Der Doctor ist noch nicht da. Aber ya mismo viene." Ya mismo - schon bald. Wie ich das hasse! Wenn du die zwei Worte hörst, dann bedeutet das eine Spannweite von zwei Minuten bis zu zwei Tagen! Was soll ich tun? Ich erkläre ihr, dass ich in einem Telefonbüro stehe, das in einer Viertelstunde schliesst und ich keine Möglichkeit hätte, später anzurufen. "Naja, dann rufen Sie eben morgen wieder an, so spät wie möglich." Fünf Mal tief durchatmen - und trotzdem fluchen. Am Donnerstagabend stehe ich brav um viertel vor fünf wieder am Telefon. "Oh wie schade, der Doctor ist zwar von Quito zurück, hat das Haus aber gerade vor zehn Minuten verlassen." Jetzt werde ich wirklich wütend. Er hat mir seinen Besuch doch für heute versprochen! Also gut, ich sage ihr jetzt, wann er morgen auf unserer Hacienda zu sein hat. Aber nein, das geht nicht. Niemand sagt dem Doctor, wann er wo zu sein hat. Nein, sie kann auch keine Termine für ihn machen. Aber ich könnte ja morgen um acht Uhr noch einmal ....
Das verrückte ist, dass es gar keinen Sinn hat, wütend zu werden. Die Leute hier würden das nicht verstehen und es als ganz krasse Unhöflichkeit empfinden. Hier ist jedem klar, dass ein Versprechen keines ist und dass eine Abmachung nur gilt, wenn sie gerade so passend eingehalten werden kann. Ich telefoniere also am Freitagmorgen um acht Uhr erneut. Diesmal ziemlich kurz angebunden: "Ist der Doctor da?" "Nein, er ist noch nicht im Haus - aber er hat gesagt, Sie dürfen wünschen, um welche Zeit er am Samstag bei Ihnen sein soll." Immerhin! Ich bestelle ihn auf zehn Uhr. Das Fräulein im EMETEL atmet auf - sie hat schon langsam Bedauern mit mir gehabt.
Am Samstag um zehn Uhr sitze ich an der Strasse. Der Doktor hat gewünscht, dass jemand am Weg auf ihn wartet. Die Sonne brennt heiss. Zur Unterhaltung zähle ich die Autos, die vorbei fahren. Bis elf Uhr sind es zwei! Der Linienbus von Santa Rosa und der Linienbus nach Santa Rosa. Um zwanzig vor zwölf kommt das dritte Fahrzeug: Es ist der Tierarzt!
Er nimmt einen Plastiksack aus dem Auto und steigt zum Korral hoch. Er packt seine Medikamente aus: Vitamine intramuskulär und eine Dreifachimpfung subkutan zu spritzen, dazu haben wir ein Antiparasitikum dabei, das man äusserlich anwenden kann. Dann kommt ein kurzes Erstaunen: Er hat die Spritzen vergessen! Tja, macht nichts - dann kommt er eben nächste Woche noch einmal. Ich müsse nur am Dienstag telefonieren, um die genaue Zeit abzumachen ....
Nein, keine Angst, es beginnt nicht von vorn! Sigi hat in weiser Voraussicht unsere Spritzen mitgenommen. Ich habe jetzt langsam genug. Ich nehme dem Tierarzt eine Flasche aus der Hand und beginne, die eine Spritze aufzuziehen. Er schaut mir interessiert zu. Ob ich Tierärztin sei? (Dann hätten wir ihn wohl nicht nötig!) Nein, ich bin nur interessiert, dieses Unternehmen so schnell wie möglich zuende zu bringen! Also bitte: Victor (unser Bauer) hält die Tiere fest, der Veterinär spritzt die Triple, ich die Vitamine und Sigi das Parasitenmittel - und jetzt ein bisschen Tempo! Innert einer halben Stunde ist die ganze Herde von sechzehn Tieren versorgt und der Tierarzt kommt aus dem Staunen nicht heraus. - So etwas hat er noch nicht erlebt! Er fragt mich, ob ich nicht als seine Assistentin arbeiten möchte? Naja, vielleicht komme ich mal auf sein Angebot zurück!
Und wenn ihr jetzt meint, ich hätte diese Geschichte etwas langfädig erzählt, dann hättet ihr dabei sein sollen .....!
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